Finanzmärkte fürchten Argentiniens Pleite
economics
10.12.2019

Finanzmärkte fürchten Argentiniens Pleite

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Dicke Freunde werden Cristina Fernández de Kirchner und die Finanzmärkte nicht mehr. Kaum war klar, dass Oppositionskandidat Alberto Fernández, der zusammen mit der ehemaligen Staatschefin antritt, aller Voraussicht nach der nächste Präsident Argentiniens wird, ging es an den Märkten rund.

Der Merval-Aktienindex in Buenos Aires brach am Montag 48 Prozent ein - das ist der zweitgrößte Rückgang binnen eines Tages an irgendeiner Börse seit 1950. Nach dem Schock ging es am Dienstag an der Börse wieder etwas aufwärts. Die Währung Peso setzte die Talfahrt fort, sie war zuvor um 15 Prozent abgestürzt. Derweil kollabiert der Anleihemarkt für argentinische Staatsanleihen regelrecht. Mit anderen Worten: Argentinien steuert aus Sicht der Finanzmärkte auf eine Staatspleite zu - wieder einmal.

Konsequenterweise verteuerte sich die Absicherung eines 10 Millionen Dollar schweren Pakets argentinischer Anleihen gegen Zahlungsausfall auf rund 2,1 Millionen Dollar, das ist doppelt so viel wie am Freitag und der höchste Stand seit fünf Jahren. Es deute darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit einer Staatspleite auf mehr als 72 Prozent beziffert werde, teilte der Datenanbieter Markit mit.
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Das ist selbst für argentinische Verhältnisse bemerkenswert. Das Land hat eine Serie von Staatspleiten und Finanzkrisen hinter sich. Der amtierende Präsident Mario Macri hatte nach seinem Wahlsieg über Kirchner 2015 dafür gesorgt, dass Argentinien nach mehr als einem Jahrzehnt in der finanziellen Verbannung an den internationalen Kapitalmarkt zurückkehrte. Das gelang ihm vor allem dadurch, dass er den Anleihe-Krieg zwischen seiner Vorgängerin und Hedgefonds nicht fortsetzte, sondern kapitulierte.

Kirchner fordert Hedgefonds heraus
Kirchner hatte sich beharrlich geweigert, US-Hedgefonds wie Paul Singers NML Capital den vollen Wert der Altschulden auszuzahlen, die Argentinien vor 2001 ausgegeben hatte. Singer setzte Argentinien mit Klagen vor US-Gerichten zu und sorgte unter anderem dafür, dass das Segelschulschiff der argentinischen Marine in Ghana an die Kette gelegt wurde. Die linksgerichtete Präsidentin ließ aus Angst vor der Pfändung Regierungsmaschinen nicht ins Ausland fliegen und bezeichnete die Gläubiger derweil als "Aasgeier" und "Finanzterroristen".
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Investoren feierten daher die neue Regierung unter dem konservativen Ministerpräsidenten Macri. Er hatte versprochen, die Wirtschaft zu liberalisieren, Handelsbarrieren abbauen und ausländische Investitionen nach Argentinien zu locken. Das war das exakte Gegenteil zu seiner Vorgängerin, die Argentiniens Wirtschaft mit Schutzzöllen von ausländischer Konkurrenz abschottete und mit hohen Staatsausgaben subventionierte.

Doch die Wende gelang Macri nicht. Das Land leidet seit vergangenem Jahr unter einer Rezession. Der Internationale Währungsfonds rechnet damit, dass die Wirtschaft in diesem Jahr um weitere 1,2 Prozent sinkt. 2018 hatte die argentinische Währung durch zwei Währungskrisen 50 Prozent ihres Wertes verloren, die Inflation liegt bei 55 Prozent. Rund ein Drittel der Bevölkerung lebt in Armut. Die Regierung in Buenos Aires bekam deshalb vom IWF ein Darlehen in Höhe von mehr als 57 Milliarden Dollar - Macri sagte im Gegenzug Sparmaßnahmen zu und versprach, dass Argentinien im kommenden Jahr einen Primärüberschuss (also vor Schuldendienst) erwirtschaftet.

Während die Mehrheit der Argentinier vor diesem Hintergrund einen neuen Präsidenten haben will, halten Finanzinvestoren die Abkehr von marktliberalen Reformversprechen für eine schlechte Idee. "Die Märkte befürchten, dass bei einem Wahlsieg der Opposition im Oktober das Land in alte Zeiten mit Verstaatlichungen, Devisenkontrollen und staatlichen Eingriffen zurückfallen könnte", sagt Commerzbank-Analystin Antje Praefcke. Fernández kündigte bereits an, er wolle mit dem IWF über die Konditionen neu verhandeln. Zugleich kritisierte er, dass Macri Subventionen wie etwa für Energie und Nahverkehrsmittel zusammengekürzt hatte.
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Die Klatsche für Macri bei der wichtigen Testwahl lässt kaum einen Zweifel daran, dass er nach einer Amtszeit aus dem Amt gejagt wird. Und es deutet viel daraufhin, dass sich ein neuer Präsident nicht nur den IWF, sondern auch die Finanzmärkte herausfordern wird.
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